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Kreuzbandriss ohne OP – einfach so möglich?

Die Diagnose Kreuzbandriss verunsichert viele erst einmal. Oft kommt direkt nach dem MRT oder dem Arztgespräch die gleiche Frage: Muss das jetzt operiert werden? Kann der Kreuzbandriss ohne OP heilen? Welche Möglichkeiten habe ich ohne OP?

Ich sehe in der Praxis und meinem Online-Kurs beides: Patienten, die ohne Operation sehr gut zurechtkommen und ihr Knie wieder belastbar bekommen. Aber eben auch Patienten, bei denen eine operative Versorgung aus meiner Sicht der sinnvollere Weg ist.

In diesem Artikel möchte ich Dir zeigen, welche Möglichkeiten es aktuell gibt, was Studien wie die KANON-Studie dazu sagen und warum spannende neue Ansätze wie das Cross Bracing Protocol zwar interessant sind, aber nicht automatisch die Lösung für jeden darstellen.



Kreuzbandriss ohne OP? Oder muss ein Kreuzbandriss immer operiert werden?

„OP oder Nicht-OP, das ist hier die Frage.“

William Shakespeare (wahrscheinlich!)

Und wie so oft in der Medizin gibt es hier kein klares Ja oder Nein – sondern ein es kommt darauf an.

Denn nicht jeder Kreuzbandriss ist gleich. Nicht jedes Knie reagiert gleich. Und nicht jeder Mensch hat die gleichen sportlichen Ziele oder Anforderungen im Alltag.

Wenn Dein Ziel ist, wieder entspannt joggen, Rad fahren, wandern oder im Alltag sicher unterwegs zu sein, stellt das andere Anforderungen an Dein Knie als wenn Du wieder regelmäßig Fußball, Handball oder Rugby spielen möchtest. Auch Dinge wie Begleitverletzungen, wiederholtes Wegknicken des Knies oder ein dauerhaftes Instabilitätsgefühl spielen natürlich eine Rolle.

Wichtig ist mir an dieser Stelle vor allem eines: Eine konservative Behandlung ist kein „Plan B“. Wenn dieser Weg sinnvoll ist, dann ist es ein ernstzunehmender Therapieansatz – nicht „wir schauen mal und hoffen das Beste“.

Was sagt die KANON-Studie?

Wenn es um die Frage „Kreuzband-OP oder konservative Behandlung?“ geht, wird immer wieder die sogenannte KANON-Studie genannt.

Und das zurecht. Denn sie hat die Diskussion in diesem Bereich durchaus verändert.

Vereinfacht gesagt wurden hier junge, aktive Patienten mit einem frischen Kreuzbandriss zunächst in zwei Gruppen eingeteilt: Eine Gruppe wurde früh operiert und absolvierte anschließend ihre Rehabilitation. Die andere Gruppe startete zunächst mit einer strukturierten Rehabilitation – mit der Möglichkeit, später operiert zu werden, falls sich das als sinnvoll herausstellt (also wurden es dann drei Gruppen).

Das Spannende daran: Langfristig zeigten sich in wichtigen Funktionswerten keine klaren Unterschiede zwischen den Gruppen.1 Wobei die Folgestudie nach 11 Jahren sogar ein geringeres Arthrose-Risiko bei den Nicht-Operierten zeigte, die dafür wiederum mit etwas schlechterer Funktion leben mussten.2

Wichtig ist aber die richtige Interpretation.

Die Studie sagt nicht: „Operationen sind unnötig.“ Sondern eher: „Nicht jeder braucht automatisch sofort eine Operation.“

Und genau das finde ich klinisch extrem spannend!

Denn viele Patienten denken bei dieser Entscheidung sehr schwarz-weiß. Option 1: sofort operieren. Option 2: bewusst gegen eine OP entscheiden.

    Dabei gibt es noch eine (elegante) dritte Option: erst konservativ starten, das Knie sauber rehabilitieren und dann anhand der tatsächlichen Funktion entscheiden. Gerade dieser Ansatz erscheint mir in vielen Fällen sehr vernünftig. Denn selbst wenn später doch operiert wird, war die Reha davor fast nie verlorene Zeit.

    Möglichkeiten ohne Kreuzband-OP

    Verzögerte Operation nach Kreuzbandriss

    Klassischer Weise wird ca. 5 Wochen nach Verletzung eine Operation am Knie durchgeführt (wenn die Verletzung nicht in einem Skigebiet passiert ist oder es um einen Profisportler mit anderem Zugang zur medizinischen Betreuung geht). Diese 5 Wochen sind meist ausreichend, damit sich das Knie nach dem Unfall wieder beruhigen, der erste Heilungsprozess abgelaufen kann und so eine komplikationsärmere Operation möglich wird.

    Neue Studien legen aber nahe, dass diese Zeit auch durchaus heraus gezögert werden kann oder sogar sollte.3 Das heißt nach der ersten Ruhephase werden Übungen im Zuge einer Vorbereitung (Preha) absolviert und das Bein wieder gekräftigt (ein Beispiel ist das sogenannte Eitzen-Protokoll zur OP Vorbereitung). So besteht für den Patienten die Möglichkeit auch ohne OP zurecht zu kommen oder aber bei entsprechender Indikation das Knie dann doch zu operieren. Doch durch das Kräftigungsprogramm ist meist das Ergebnis der OP besser.4

    Für diesen Prozess sollte man sich aber durchaus 3 Monate Zeit lassen um zu sehen, ob das Knie konservativ behandelt werden kann. Selbst bei Begleitverletzungen wie Meniskusrissen oder Innenbandschädigungen kann man das vordere Kreuzband auch unangetastet lassen und arthroskopisch die weiteren Verletzungen behandeln.

    Dann aber doch eher zu einer OP tendiert man, wenn das Knie weiterhin im Alltag instabil wirkt und „weg knickt“ oder aber der Plan besteht wieder bestimmte Risikosportarten auszuführen (Sportarten mit schnellen Richtungswechseln, stärkerem Gegnerkontakt). Aber auch Alter, anatomische Gegebenheiten oder eben genannte Begleitverletzungen spielen dabei eine Rolle.

    Mein Lieblingsbeispiel aus der eigenen Praxis war ein Patient, der sich über ein Jahr vor der Operation seinen Riss am vorderen Kreuzband zugezogen hatte, dieser aber nicht diagnostiziert wurde (u.a. kein MRT). Durch die Beschwerden ging der Spaß am Mannschaftssport verloren, er wechselte zum Krafttraining und konnte einen beachtlichen Kraftzuwachs verbuchen.

    Als er dann wieder mal Basketball spielte und dabei ein Instabilitätsgefühl im Knie hatte, ging er erneut zum Arzt. Dieses Mal mit der richtigen Diagnose Kreuzbandriss und er ließ sich daraufhin am Kniegelenk operieren. Die anschließende Reha bei mir in der Praxis war beeindruckend – meistens musste man ihn eher bremsen, da er sehr früh die verschiedenen Teilziele der Reha erreichen konnte und sehr schnell wieder fit war!

    Komplett konservativ: Kreuzbandriss ohne Operation

    Sollten die oben genannten Probleme wie das Instabilitätsgefühl ausbleiben und der Patient sich bewusst sein, dass für ein stabiles Knie auf Dauer Übungen und Training absolviert werden müssen, kann ein Kreuzbandriss ohne OP auch längerfristig ein Erfolg sein.

    Eine Fallstudie im Fußball aus der englischen Premier League war 2015 spannend – ein Spieler feierte sein Comeback nach dem Kreuzbandriss ohne OP nach sage und schreibe 8 Wochen.5 Dabei sollte man aber bedenken, dass dieser Spieler top trainiert war, dementsprechende Betreuung hatte und der finanzielle Druck auf ein baldiges Comeback im Profisport nicht zu vernachlässigen ist.

    Interessanterweise sind bei mir in der Praxis Patienten, die einen konservativen Ansatz versuchen bzw. auch durchziehen Personen, denen eine OP, die Reha und die Einschränkungen danach nicht in ihren aktuellen Alltag passen. Sprich jemand muss sich um die Kinder kümmern oder eine wichtige Phase in der Ausbildung oder Studium steht an.

    Bei diesen Patienten war dann aber auch keine Rückkehr in eine Risikosportart geplant und auch die Umstände – also keine schlimmere Begleitverletzung (Meniskus, Innenband), kein Wegknicken im Alltag – waren günstig.

    Du siehst also, auch unter bestimmten Voraussetzungen ist dieser konservative Ansatz durchaus möglich und sinnvoll.

    Kann ein Kreuzband von selbst heilen?

    Diese Frage taucht in den letzten Jahren deutlich häufiger auf. Und das liegt vor allem an medienwirksamen Wunderheilungen wie bei der Kalifa-Therapie oder neueren Ansätzen wie dem sogenannten Cross Bracing Protocol.

    Die Idee klingt erstmal spannend: Kann ein gerissenes Kreuzband unter bestimmten Bedingungen möglicherweise heilen?

    Ein eindeutiges Vielleicht.

    Was ist das Cross Bracing Protocol

    Eine sehr erfolgsversprechende Studie aus dem australischen Melbourne sorgte 2023 für Furore: durch das sogenannte Cross Bracing Protocol konnte bei 90% der Probanden das Kreuzband zum Heilen gebracht werden. Also ja. Ein Kreuzband kann von alleine heilen!6

    Die Grundidee ist, das frisch gerissene Kreuzband möglichst früh in eine günstige Position zu bringen, damit Heilung wahrscheinlicher wird. Dabei bekommen Patienten mit bestimmten Voraussetzungen (Art des Risses, kaum Begleitverletzungen) das Knie für 4 Wochen im 90° Winkel mit einer handelsüblichen Schiene (Orthese) fixiert. In den nächsten 8 Wochen wird Stück für Stück das Bewegungsausmaß weiter freigegeben und ebenfalls die Belastung gesteigert. Nach 12 Wochen kann also insgesamt ein Training aufgenommen werden und ebenfalls Heilungstendenzen im Kreuzband bei einem Großteil der Teilnehmer beobachtet werden.

    Allerdings ist weitere Forschung in diese Richtung notwendig um einerseits das Studienergebnis zu bestätigen und andererseits langfristige Folgen dieser Vorgehensweise sicher vorhersagen zu können.

    Ist Cross Bracing in Deutschland möglich?

    Die Tatsache, dass noch weitere Forschung notwendig ist, die engmaschige Betreuung während des Heilungsverlaufs(!!) und dass die Studie aktuell nur in Australien größere Bekanntheit hat, macht es aktuell noch unwahrscheinlich diesen Ansatz im deutschsprachigen Raum wählen zu können.

    Tatsächlich hatte ich dazu schon konkrete Anfragen von Patienten.

    Das heißt nicht, dass sich hier in Zukunft nichts entwickeln kann.

    Aber Stand heute würde ich Cross Bracing eher als spannenden Forschungsansatz einordnen – nicht als Standardoption, die man überall umsetzen kann.

    Noch!

    Wann ist eine Kreuzband-OP eher sinnvoll?

    Auch wenn dieser Artikel bewusst die konservative Seite beleuchtet: Natürlich gibt es Situationen, in denen eine Operation eher sinnvoll erscheint. Zum Beispiel wenn:

    • Dein Knie wiederholt instabil wegknickt
    • relevante Begleitverletzungen bestehen
    • Deine sportlichen Ziele hohe Anforderungen an Richtungswechsel und Stabilität stellen
    • sich das Knie trotz guter Rehabilitation nicht zuverlässig anfühlt

    Am Ende entscheidet nicht nur das MRT. Entscheidend ist vor allem, wie sich Dein Knie unter realer Belastung verhält.

    Mein Fazit als Physiotherapeut

    Nicht jeder Kreuzbandriss muss automatisch operiert werden. Aber auch nicht jeder Kreuzbandriss funktioniert ohne OP.

    Was ich in vielen Fällen für sehr sinnvoll halte: Nicht vorschnell aus Angst entscheiden.

    Wenn keine klaren Gegenargumente bestehen, kann ein strukturierter konservativer Start ein sehr vernünftiger erster Schritt sein. Und wenn sich im Verlauf zeigt, dass Dein Knie Deine Anforderungen nicht zuverlässig erfüllt, ist eine spätere Operation immer noch eine Option.

    Genau dieses pragmatische Denken finde ich oft hilfreicher als dogmatische Schwarz-Weiß-Entscheidungen.

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    Der nächste Beitrag zum Training für die Rehabiliation ohne OP ist übrigens in Arbeit – wenn Du diesen nicht verpassen willst, solltest Du Dich für den HNL Kreuzband Newsletter eintragen, ich informiere Dich dann, wenn er online ist:

    Datenschutz*
     

    1. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/28515057/ ↩︎
    2. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/40387842/ ↩︎
    3. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC7592749/ ↩︎
    4. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/20710097/ ↩︎
    5. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC4422908/ ↩︎
    6. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/37316199/ ↩︎